• EAWM - Evangelischer Arbeitskreis für Weltmission

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Erfahrungen aus der Weltmission

Der folgende Text wurde verfasst von Pfarrer Karl Heinz Rathke
ehemaliges Mitglied und Gründer der Missionarischen Dienste des EAWM

Einen weiteren Text von Karl Heinz Rathke können sie hier downloaden:
Worte sind schön aber Hühner legen Eier [43 KB]

Geschichten von Karl Heinz Rathke finden sie hier unter
Aha Erlebnisse




Mission heute und wie es dazu kam
Von der paulischen „Heidenmission“ über die „westliche“ und ihr Ende zur Mission in einer globalisierten Welt.


Während die Engländer diesen Begriff im Alltag durchaus neutral und positiv gebrauchen und „What is your mission?“ fragen, wenn sie den Grund deines Kommens erfahren wollen, ist bei uns dieser Begriff im Wesentlichen zu einem Fachwort für christliche Aktionalität geworden. „Innere Mission“ für die Sorge um die Benachteiligten und vom Staat Übersehenen; „Stadtmission“ zum Zweck der Evangelisierung der träge gewordenen Christen der Städte.
Dagegen ist „Weltmission“ weitgehend zum „Schmuddelbegriff“ verkommen.

Wie begann diese eigentlich?

Die viel gerühmte Hoch-Zeit begann in Afrika zur Zeit des Kolonial- und Imperialstrebens europäischer Staaten. Die Industrialisierung hatte alte wirtschaftliche Strukturen zerrüttet und neue Chancen für Unternehmer gebracht (ab Anfang des 19. Jhts). Nun war man angewiesen auf den geregelten und zuverlässlichen Zufluss von Rohstoffen und Absatz der erzeugten Industriegüter. An pflanzlichen Rohstoffen (Palm)Ölen, Gummi und kolonialen Genussmitteln mangelte es in Europa. Geordneter Zufluss konnte nur aus tropischen Ländern garantiert werden, indem man diese zu Kolonien machte.
Wenn dort die Menschen zu, in europäischer Art, „Zivilisierten“ gebracht wurden, schien der Absatz der Industrieproduktion auch gesichert. So wurde die Einführung des europäischen Schulwesens mit
Zucht, Gehorsam und Ordnung zu einem Muss. Das konnte am billigsten durch Missionen bewerk-stelligt werden. So kamen die Missionen in den Sog wirtschaftlicher und politischer Interessen.
Zu schwierig war das nicht, denn ein solches bestand ja in Europa schon sein Kaiser Konstantin
(4.Jht). Es war Allgemeinplatz geworden. Das Zusammenspiel von Staat und Kirche war im Bewusstsein der Bevölkerung eine Selbstverständlichkeit..
Dass diese Verbindung von Staat/Wirtschaft und Mission auch seine Schatten hatte, zeigt der Journalist G.von Paczensky in seinem Buch „Verbrechen in Namen Christi“ auf. Auf 544 Seiten berichtet er meist gut recherchiert über die Untaten der christlichen Missionare der Kolonialzeit. Diese fand ja erst nach der Mitte des 20. Jahrhunderts sein Ende. Das war nur fair, denn die Missionsagenturen hatten hauptsächlich von den Wohltaten ihrer Missionare berichtet und die negativen Aspekte, wenn überhaupt, nur mildernd beschrieben. Das mag verständlich sein, denn sie waren von den Spenden aus Europa abhängig.

Es muss betont werden, dass die Missionare der Kolonialzeit als Kinder ihrer Zeit in der Regel vom Denken und Fühlen ihrer Heimatländer beseelt waren: und dies war damals weitgehend ein starkes Überlegenheitsbewusstsein gegenüber den fremden Völkern. Es waren die Pietisten, die oft
gegen die Überzeugung der Vertreter ihrer Kirchen die „Missionierung der Heiden“ forderten und durchsetzten. Ihre Motive waren nach dem Gebot Jesu die Liebe zu Gott und den Menschen und
so – im Fall der 1816 gegründeten Basler Mission und einiger anderer – eine Art Wiedergutmachung des Sklavenhandels.
Jedenfalls versuchten die Missionare in der Regel ihr Bestes zu vermitteln. Ein moralisches Urteil steht uns nicht zu. Auch das wäre Überheblichkeit.
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Von einer Begebenheit erzählt H. Bernatzik, Wiener Ethnologe, in seinem Buch „Gari Gari“ (1948) aus dem Sudan:
„Ein katholischer Missionär… erzählte, wie fabelhaft Europa sei, wie fruchtbar das Land, wie gut bewässert und dergleichen Schönheiten mehr; da erhob sich ein junger Shillukkrieger in vollem Waffenschmuck und sagte: “Ist ja gar nicht wahr, sonst würdet ihr Weißen dort in diesem Land bleiben, statt uns hier zu stören!“ „Wir wollen euch ja nicht stören“, sprach der Prediger mild. „Wir wollen euch nur belehren.“ „ So dann sage mir, was ihr eigentlich könnt. Kannst du eine Hütte bauen?“ „Nein!“ sagte der Missionär. „Oder eine Lanze machen?“ Auch diese Kunst war ihm unbekannt. „Ja, kannst du dann wenigstens Töpfe formen?“ Auch dieses musste er verneinen. „Na, siehst du, das können bei uns sogar die Weiber, und du bildest dir ein, uns etwas lehren zu können!“ Der Missionär verteidigte sich: „Das sind doch lauter Kleinigkeiten. Seht auf den Nil die Dampfer, d a s machen wir“. „Gut“, sagte der Shilluk, „mach uns d a s vor!““.

Zugestanden, dieses und das folgende Beispiel stammen aus der der Frühzeit der Mission. Später haben Missionare sehr wohl über Handwerkkenntnisse verfügt, obwohl sie sich weiterhin als Vermittler der europäischen Kultur sahen.

Die Patres (im Sudan) hatten hübsche Messingkreuze an dunkler Kette unter Kindern verteilt. „Am nächsten Morgen strömte alles zur Kirche. Auch die Kinder kamen von allen Seiten herbei. Doch die lieben Kleinen hatten in ihrer Unschuld die Rosenkränze nicht um den Hals gehängt, sondern nach Negerart um ihre Hüften geschlungen, und so baumelte denn das Muttergottesbild zwischen den Beinchen, an der Stelle, die Adam und Eva mit Feigenblättern verhüllten.“ ( Bernatzik, „Gari Gari“)

Der kamerunische Schriftsteller Mongo Beti („Der arme Christ von Bomba“) kommt zu einem harten Urteil über diese Missionsperiode:

Als der Pater fragt, warum die Leute sich nicht dem Christentum öffnen wie vor 20 Jahren, antwortet ihm sein Koch:
„Die ersten von uns strömten eurer Religion zu, als sei das eine Schule, wo sich euer Geheimnis offenbaren würde, das Geheimnis eurer Macht, die Macht eurer Flugzeuge, eurer Eisenbahnen und all das.
Stattdessen habt ihr ihnen von Gott erzählt, von der Seele, dem ewigen Leben usw... Glaubst du denn wirklich, wir hätten das nicht schon alles zuvor gedacht vor eurer Ankunft?“
Der Pater schließt dann seine Station – nicht wegen dieser Argumente -, sondern wegen seines Gewissens und seiner Verantwortung. Er sieht ein, dass die Mission solange keine Chance hat, solange sie mit dem Kolonialismus in einem Boot sitzt.

Als ich 1961 nach Kamerun kam, erlebte ich die Auswirkungen dieser Periode noch im paterna-listischen Verhalten einiger Missionare aber auch der assimilierten Afrikaner.Ich dürfe keine Speisen und Getränke von Afrikanern entgegennehmen, da sie ja kranheitserregende Keime in sich trägen, also auf einem Fußmarsch einen angelernten Koch bei mir haben müsse.Die erste Synode, an der ich teilnahm, hatte getrennte Speiseräume. Man erwartete von mir natürlich, den „richtigen“ Platz einzunehmen. Das brachte mich in Schwierigkeiten, denn ich hatte schon bei vielen
Gemeinden „im Busch“ die Köstlichkeiten der afrikanischen Küche genossen. Meine Entscheidung mit
meinen „Buschfreunden“ zu speisen, mussten meine europäischen Kollegen als Dolchstoß empfind-
en. Dass dies stimmte, zeigte sich bei der nächsten Synode. Nun gab es nur mehr einen Speise-
raum, jedoch gemischte Menüs. Meine Entscheidung fußte auf der Einsicht, dass abgelehnte
Speisen (wie die „Danke, ich habe schon gegessen“- Lüge) klare Ablehnung des Anbieters bedeuten.
„Es gibt gibt das Herz, nicht die Hand“). Und: dass Teilen des Abendmahls ohne Teilen im Alltag
obsolet ist.
- Diese letzte Erwähnung des Abendmahls brachte mich aber auch in Österreich ins Zwielicht. Ich erzählte
bei meinem 1. Urlaubsaufenthalt meinem Superintendenten auf seine Frage hin, wie wir in Kamerun
das Abendmahl feierten: Palmwein oder Tee und Fladenbrocken (aus Maisgrieß, weil wir kein
gebackenes Brot hatten). Die nach englischer Sitte, den Wein nicht aus dem Kelch, sondern in
individuellen “Stamperln“ anzubieten, hatte ich von Beginn an abgelehnt. Entsetzt belehrte mich
mein Superintendent, dass Jesus von Wein sprach und das sei verbindlich. Trotz eines langen
Gesprächs kamen wir auf keinen grünen Zweig.Ich müsse, so wurde ich anfangs von den alten Missionshasen belehrt, bei einer der vielen Autostops einfach einen Geldschein in den Fahrerausweis stecken, damit ich ohne Palaver rasch weiterfahren
könne. Da ich mit der Zeit fließend Pidgin zu sprechen gelernt hatte, begegneten die Polizisten,
zuweilen erst nach einem längeren Palaver, mir offenbar anders. Denn ich habe bei dieser kleinen
Korruption nie mitmachen müssen. Immer, auch später in Ghana, kam ich ohne „dash“ aus. Auch der Wettlauf zwischen den christlichen Konfessionen um Errichtung von Schulen zum Machtgewinn und letztlich, um die eigene Kirche zu vergrößern, gab es zu meiner Zeit noch, verringerte sich aber
langsam durch persönliche Kontaktaufnahme. Für mich war es ein einheimischer Laie an einer
Predigtvorbereitungsrunde, der den Anstoß gab. Bei dem Gespräch über den Johannestext „Dass sie
alle eins seien“, fragte er mich: „Sag mal: musst du immer zu den katholischen Priestern zur Beichte
gehen?“
Belustigt fragte ich ihn, wie er darauf komme. Da meinte er: „Na, wir sehen oft deinen Wagen vor der
katholischen .Mission stehen, nie aber ihren vor deinem Haus.“ Ich bat sie, allein weiterzumachen und
fuhr direkt zu ihnen, bekam einen Kaffee. Dann erzählte ich ihnen davon. „Wir müssen wohl auch mit
solchen Kursen anfangen!“ sagte der irische Pater Ryan. Seither kamen sie zum ersten und nicht
letzten Mal auch zu uns. Und sie kamen unter lautem Hupen.

Diese Beispiele zeigen, wie stark sich Afrikaner dem Denken der Europäer angepasst hatten. Die Überlegenheit des Weißen Mannes wurde akzeptiert; sein Magen war anders und vertrug keine afrikanischen Speisen. Sie wollten nicht, dass ihr Gast erkrankt. Das mag aus Höflichkeit heraus geschehen sein. Am ehesten waren es Frauen, die verstanden, was ich mit meinem Reden von Selbstachtung und Verantwortung meinte. Zum ersten Mal wurde mir das bewusst, als eine ungebildete Frau nach einem Kurs in einem kleinen Dorf über dieses Thema zu den Ältesten sagte: „Massa-massa-time i don pass!“ (Die Zeit, in der wir die Weißen angingen (unsere Probleme zu lösen), ist vorbei!) Die Frauen hatten ja auch keine Machtposition zu verteidigen.
Nach Ende der Kolonialzeit (um 1960 in Afrika) gerieten Missionare leicht in Verdacht (wie die neue einheimische politische Führung) ein verlängerter Arm der ehemaligen Kolonialherren zu sein.
Das hatte auch ich erwartet, als ich 1961 in Kamerun ankam. Ich war verwundert, dass ich aber von alle dem bei der Bevölkerung nichts verspürte. Lediglich mein einheimischer Chef, er hatte als einziger von 4 Pfarrern dieser abgelegenen Superintendentur ein solides Seminarstudium absolviert, beantwortete bei meiner Einführung als Pfarrer auf meine Bitte, mich anzunehmen, mit dem Vermerk: „Das müssen wir abwarten! We go see.“

Die statistischen Erfolge der missionarischen Arbeit waren “vielversprechend“ (und sind nicht immer verlässlich).
So arbeiteten in Indien z.B. 339 protestantische europäische Missionare aus 19 verschiedenen Missions- gesellschaften unter 91 092 Christen (14.661 Kommunikanten). Die katholische Mission mit ihrer zentralen Struktur war in diesem „Wettlauf um Seelen“ im Vorteil, konnte sie doch im Notfall (Weltkriege) Missionare aus nicht betroffenen Staaten einsetzen. Auch standen ihr mehr finanzielle Mittel zur Verfügung.
1910 gab es weltweit etwa 10.000 christliche westl. Missionare. 1922 waren es etwa 22.000. Um 1971 war die Zahl bei den Protestanten weltweit auf 43.000 (wobei der Anteil der aus USA kommenden bei 27.733, großteils evangelikalen), lag. Die Zahl der katholischen Missionare war aber auf 60.000 angestiegen. Die röm. kath. Kirche hatte von Beginn an nur akademisch ausgebildete Männer geweiht, was dazu führte, dass sie anfangs weniger einheimische Priester hatte und mehr Europäer einsetzen musste, was bei Protestanten nicht der Fall war. Nun merkt man den Nachteil. Erst in den letzten 20 Jahren stehen den ökumenisch gesinnten protestantischen 3.Weltkirchen genügend akademisch ausgebildete Pfarrer zur Verfügung. Die ständig anwachsende Zahl westlicher Missionare bis in die 60-iger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden als „Siege“ gefeiert. Nun aber begannen ökumenisch gesinnte Missionswerke die Zahl ihrer Missionare zu reduzieren, während die evangelikalen Missionare den Trend fortsetzten. 1985 gab es in Afrika 72.650.000 Christen. 2005 hatte Afrika 812 Millionen Einwohner. 371 Mill. gehören dem Islam an; 304 Mill. sind Christen, während 137 Mill. Ihrer traditionellen Religion anhängen.
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2. Mission als Problem

Der 2. Weltkrieg hatte den fremden Völkern die Brüchigkeit der europäischen Staaten
vor Augen geführt. “Wie können Christen gegen Christen brutale Kriege führen und fremde Völker dazu gebrauchen? All das, was ihre Missionare uns lehrten, haben sie selbst arg missachtet!“ haben viele der zu Anhängern der Missionen gewordenen Einheimischen enttäuscht gedacht und ausgesprochen.
Schon 1958 hatte der deutsche Missionswissenschaftler W. Freytag gesagt: „Früher hatte die Mission Probleme, jetzt ist sie selbst zum Problem geworden“.

Was ist da falsch gelaufen? fragten sich auch die europäischen Missionsverantwortlichen
1952 auf ihrer „Weltmissionskonferenz“ in Willingen/Deutschland. Hier ging man zuerst das theologische Selbstverständnis an. Was ist Mission eigentlich? Wer sind die Subjekte?
Die Neuorientierung lautete: Nicht die Kirchen oder Missionsgesellschaften mit ihrer traumatischen Erfahrung als Kolonialmission konnte Subjekte der Mission sein. Der biblische Befund des Johannesevangeliums (Sosehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn sandte…“ ) wurde nun zur Begründung der Mission. Gott selbst ist Subjekt! („Missio Dei“). Die Missionsgesellschaften und Kirchen können nur in dieser Liebe zu denen, zu denen sie gekommen sind, Gottes Liebe weitergeben ( „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“.) „Die Missionierten gehören nicht euch Missionaren, auch nicht eurer Kirche! Sie sind nicht eure Kreaturen, denn sie tragen das Ebenbild Gottes!“
Das war so neu wie kreativ. Mission ist nicht nur eine Aufgabe der Kirchen unter vielen, sondern
Kirche selbst ist Mission. Sie ist nicht nur die nach außen gerichtete Bewegung der Kirche, findet also nicht nur im afrikanischen Busch oder unter den Indianern statt, sondern in jedem Land, auch in Präsenz und Dynamik in den „verchristlichten Heiden“ Europas und Amerikas.
Und nun schritt der Prozess Schlag auf Schlag fort.
Die Sorge um die soziale und wirtschaftliche Situation der 3.Welt, die den meisten Missionen schon
lange Anliegen war, kam vehement als Aufgabe der Kirchen hinzu.
1958 wurde in Deutschland die Aktion „Brot für die Welt“, zwei Jahre später in Österreich „Brot für Hungernde“ in der Evang. Frauenarbeit gegründet.
1961 (Neu Delhi) wurde der Internationale Missionsrat Teil des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Kritische Stimmen aus der Sicht der Missionierten wurden unvermeidbar. Ihre Anliegen mussten gehört werden:
Das Erbe der Kolonialmission wurde erkannt. Livingstone, der viel gerühmte Forschermissionar, betrieb „Imperialismus im Gebet“. Handel, Zivilisation und Bekehrung waren seine Leitsätze.
H. Egede, der „Apostel Grönlands“, musste eine Handelsgesellschaft gründen, um seine Mission zu finanzieren. Die Basler Mission tat das Gleiche im heutigen Ghana, um für ihre Christen alkoholfreien Handel zu ermöglichen. Das böse Wort „Christentum + 6%“ kam zu Ehren. Gemeint ist hier der Zinsertrag der Missions- Handelsgeschäfte. (Ein äußerst niedriger Ertrag verglichen mit den Aktiengewinnen der kolonialen Geschäfte und des Sklavenhandels der christlichen Staaten, einschließlich der protestantischen Schweden, Dänen,
Niederländer, Briten und. Brandenburger der frühen Jahre. Hierin waren diese mit den katholischen durchaus eines Sinnes, „ökumenisch“).

Auf der nächsten Weltmissionskonferenz (Mexico City 1963) fiel das Stichwort „Mission in 6 Kontinenten“. Nun kam die junge Theologengeneration der einheimischen Kirchen stärker zu Wort. Sie urgierte, ernst zu nehmen, dass die einheimische Kirche für die Mission im eigenen Land verantwortlich sei.
Nun wird die biblische Begründung neu gewichtet. Das einseitige „Gehet hin…“, das europ. Missionare für sich monopolisiert hatten, tritt in den Hintergrund, weil es ja auch den Jungen Kirchen gilt. Nun werden andere Bibelstellen wichtig.
- „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ als christliche Präsenz in der Welt,
- Verkündigung der Einladung im Namen einer neuen Gerechtigkeit (Bergpredigt)
- als Leidensbereitschaft (1. Petr.)
- als Feier in der gottesdienstlichen Gemeinschaft werden nun aktuell
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also als Wortzeugnis (Kerygma)
Diakonie (Tatzeugnis)
Leiturgia (Feier)
Martyria (Lebensstil)

Die Presbyterianische Kirche Westkameruns, in der ich arbeitete, nahm das ernst und nannte uns europäische Mitarbeiter ab 1968 nicht mehr „Missionare“ sondern „brüderliche Mitarbeiter“. Die Basler Mission übergab damals den letzten Besitz an die unabhängige Presbyterianische Kirche und „starb“ in Kamerun. In Basel aber lebte sie als Förderer und Vermittler weiter. Der Bischof der Presbyt. Kirche Chi Kangsen drückte diesen Akt auf seine Weise so aus: „ It has happened! The Presbyt Church has chopped the heart of the Basel mission!” (wörtlich : Es ist endlich geschehen. Die evang.. Kirche hat das Herz der Basler Mission gegessen.“ („“chop“ ist pidjin-english und heißt sowohl „essen“ als auch „erben“ ). Gemeint ist: Die Presbyterianische Kirche wird die Herzensanliegen der Basler Mission in sich aufnehmen.

1968 (Uppsala) kam es zur Neuorientierung der Mission als Ganzes. Man entdeckte, dass die Mission
ihren Ausgang weder bei den Jüngern Jesu, noch bei Paulus und Zinzendorf etc. begann, sondern im „Hingeben des einziggeborenen Sohnes“ ihren Anfang hatte: Im Johannesevangelium 3, 16 : „Sosehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab (sandte)…“. Das war Gott selbst (Missio Dei). In dieser Liebe sollen seine Jünger an dieser Mission teilnehmen. Motiv war einzig die Liebe Gottes zu denen, die sich ihm entfremdet hatten.
In diesem Licht mussten nun alle Motive der bisherigen Arbeit der Missionsgesellschaften und Kirchen als mehrdeutig erscheinen. Machtstreben, auch ein solches zur Vergrößerung der eigenen Kirche,
Gewinnsucht und Überheblichkeit etc. müssen einer neuen kritischen Sicht weichen.
Stimmen wurden laut, die forderten, dass es nun um den Aufbau einer neuen, gerechten Weltgesell-
schaft gehen müsse, in der die christliche Kirche (zusammen mit anderen Religionen) eine führende Verantwortung tragen. Es gehe um den „wahren Menschen“, während es früher in der Mission um den „wahren Gott“ und seinem Erlösungshandeln in der Verdammung der heidnischen Götzen ging.
Obwohl diese Äußerungen keinesfalls von allen der Konferenzteilnehmer geteilt wurden, erregte sie energischen Protest der Evangelikalen. Das widerspreche der Hlg. Schrift und verleugne ihr Zeugnis. In der „Frankfurter Erklärung“ (Beyerhaus) von 1970 begann ihr unerbittlicher Kampf gegen die Ökumeniker.

Diesen habe ich mehrfach mitbekommen.Eines Tages erhielt ich von einem Freund aus Deutschland ein Blättchen der Wiedenester Mission. In ihr las ich einen Artikel über die „gesegnete Arbeit in Kamerun“. Das interessierte mich natürlich und las weiter: In einem Urwalddorf, namens Muyuka schreibt ein Herr Knorr über seine „Full Gospel Church“. Ich kannte Muyuka von meinen Besuchen zu Kursen für Laienprediger und Kindergottesdiensthelfer sehr gut. Er habe durch Gottes Segen aus wilden Heiden ein Gemeindlein mit 70 Gliedern und 32 Taufbewerbern schaffen können und erbitte Gebete und finanzielle Mittel zur Fortsetzung der Arbeit. Ich war entsetzt über diese förderungsheischenden Angaben. Denn Muyuka, an der Hauptstrasse ins Inland gelegen, wurde bereits seit 60 Jahren intensiv von Basler Missionaren/ Presbyterianischen Pfarrern besucht und hatte einePresbyt. Gemeinde von über 100 Mitgliedern. Da diese Mission Mitglied der deutschen Missionskonferenz
war, bat ich das Evang. Missionswerk in Hamburg um Rat und Hilfe. Ein Referent besuchte uns zwar, aber
geändert hat das nicht viel.

1968/9 wollte ein amerikanischer Missionar aus Nigerien die Evangelisations- Kampagne „New Life for All“ in Kamerun durchführen. Von der Kirchenleitung zu uns (Laienschulung) verwiesen, kam der Mann und brachte Arbeitsmaterial (für Leitungskräfte und Teilnehmer), die wir gemeinsam durcharbeiteten. DieseDurchsicht ergab, dass sie es um einen extrem evangelikalen „approach“ handelte und wir diesen nur
teilen könnten, wenn unsere Anliegen für die „Evangelisation“ mit eingearbeitet werden können.
Das wunde ausgeschlossen. Die Diskussion in unserem Arbeitsausschuss, bei dem einer unserer Pfarrer, der in den USA seine theol. Weiterbildung absolviert hatte, anwesend war und das „New Life-Projekt“ befürwortete, wurde schwierig, konnte aber gelöst werden, da die Kirchenleitung unsere Ansicht teilte.
Was uns (meinen einheimischen Mitarbeiter und mich) aber bestürzt machte, war, wie der Vertreter aus Nigerien sich bei seinem zweiten Besuch bei uns nach dem ablehnenden Gespräch unsererseits uns gegenüber persönlich verhielt.
Ich fuhr ihn zum Flughafen nach Duala. Das sagte er plötzlich: „Ich bin gespannt, wie der HERR seinen Knecht aus der Patsche helfen wird!“ „???“ .Da teilte er mir mit, dass er kein Geld für das Flugticket bei sich habe. Aber der HERR habe ihn noch nie im Stich gelassen. Dass er das Geld von mir wollte, war klar. Dass er aber mich nicht darum – wenigstens leihweise – bitten konnte, sondern den HERRN gewissermaßen veranlassen wollte, mich dazu zu zwingen, zeigte mir, dass er mich und unsere Kirche nicht als geschwisterlich ansehen konnte. So sagte ich einfach: „Darauf bin ich auch gespannt.“ So fuhren wir schweigend weiter. Kurz vor Duala wurde er unruhig. Ich fragte ihn, ob da schon etwas geschehen sei. Er antwortete nur: „The Lord knows HIS people. HE will not let me down!“
Ich versuchte ein Gespräch und meinte, dass der HERR auch durch einen Bruder handle. Schweigen.
Wir saßen in der Flughafenhalle. Der Flug war schon ausgerufen worden. Als sein Name zum zweiten Mal
ertönte - ich hatte am Monitor gesehen, dass eine Stunde später wieder ein Flug nach Lagos vorgesehen war -, beschloss ich, bis zu diesem zuzuwarten und ihm dann das Geld zu geben (es war ja kein sehr hoher Betrag). Da sich dann auch nichts tat, auch kein Gespräch möglich war, gab ihm den Betrag, Dann flog er ab, irritiert über seine Stellung bei Gott?

Noch bleibt anzumerken, dass die junge einheimische christliche Theologengeneration der 3. Welt sich seit 1976 zusammenschloss (EATWOT). Das geschah von Anfang an ökumenisch im Sinne der gleichberechtigten röm. katholischen Theologen, m. E. ein erstaunlicher und begrüßenswerter Schritt. Alle Probleme der 3.Welt werden hier ohne Scheu vehement angesprochen und aus der Sicht der Bibel und der Geschichte und Gegenwart mit der 1.Welt und dem, was daraus in ihrer Welt geschehen ist, analysiert und kommentiert. Es ist spannend, was da alles kritisch zu Tage kommt: patriarchal-europäisches Verhalten der Missionare, Kapitalismus, Rassismus, Feminismus, politische Defizite etc. Eine, die ganze 3.Welt umgreifende Versammlung des EATWOT, gab es 1986 in Mexiko. Man wird auf diese Gruppe hören müssen, um die Sicht, so kritisch sie auch für uns sein mag, kennen zu lernen und von ihr beraten zu lassen. Das wirkliche Hinhören auf diese Stimmen und Ernstnehmen der Kritik wird erst ein fruchtbares gemeinsames Gespräch über diese Aufgaben als Kirche möglich machen. Ein neuer „Farbton auf dem Regenbogen Gottes“ ist uns erkennbar geworden. Die Kirche ist bunt geworden!

3. Mit der neuen Sicht der Mission als Handeln Gottes (Missio Dei) und den folgenden Konferenzen ist die Kirche selbst in das Zentrum der Diskussion gerückt. Sie selbst muss ihre Struktur neu im Licht der Veränderungen der Gesellschaft überdenken. Aufklärung und Globalisierung haben längst zur Marginalisierung des Christentums geführt und den Einfluss der Kirchen in politischer Hinsicht und im Bewusstsein der breiten Bevölkerung geschmälert. Das ist die große Herausforderung für die Kirchen.

Mit einer Reform der Kirchen wird ihre Mission sowohl in der weiten Welt als auch bei uns von Bedeutung sein können. Dieses hier auszuführen, führt in diesem Rahmen zu weit. Wohl aber muss einiges über die Beziehungen der westlichen Kirchen (und Missionsgesellschaften) zu den entstandenen und entstehenden sog. „Jungen Kirchen“ im neuen Kontext gesagt werden.
Diese verstehen sich selbst als Träger der Mission und haben sich darin durchaus bewährt.

Es hat Zeiten gegeben, in denen europäischen Missionaren für längere Perioden die Arbeit untersagt war. So in z.B. in Madagaskar im 19. Jahrhundert durch die Ablehnung des einheimischen Königs oder durch Kriegseinflüsse (1. und 2. Weltkrieg).
So mussten z. B. die deutschen Missionare der Basler Mission Kamerun 1915 das Land für 10 Jahre verlassen. Im entlegenen Mamfegebiet hatte ihre Arbeit erst 3 Jahre vorher begonnen. 43 Gemeindeglieder hatten sie gewinnen können, als sie das Land verlassen mussten. So durchstanden die jungen Gemeinden, ohne einen Pfarrer und Seelsorger die Zeit bis zur Wiederzulassung der Basler Mission 1925. Überrascht lesen wir, dass die Zahl der Mitglieder der „Basel Missionchurch“ in Mamfe in diesen „vaterlosen“ 10 Jahren nicht verschwunden war sondern sogar zugenommen hatte. 365 Mitglieder zählte sie nun und die Zahl der Schüler hatte sich auch verdreifacht. Wie war das möglich? Freilich hatten zwei einheimische (notordinierte) Pfarrer aus dem länger missionierten Süden Kameruns diese kleine Gemeinde 2-3 mal besucht und wohl auch Taufen durchgeführt, aber von einer normalen Seelsorge von außen kann nicht die Rede sein. Das eingepflanzte Samenkorn hatte sich auf seine Weise durchgesetzt. Auf „seine Weise“ und auf die der einheimischen Ältesten. Hier war offenbar ein Freiraum entstanden, der ihnen ermöglichte, ihre Sichtweise des Evangeliums zu bezeugen.
Das zeigt sich auch auf christlichen Grabmalen, von denen ich 1962 einige Fotos machen konnte. Hier zeigt sich im Widerspruch zu der Interpretation der Missionare, wie diese Christen den Tod von ihrer Kultur her sahen. Die Gräber liegen nicht in (von den Missionaren verordneten) Friedhöfen sondern nach gewohnter Weise neben den Wohnhütten. Wir lassen uns nicht von unseren (nichtchristlichen) Clanangehörigen trennen! Die Gemeinsamkeit des Clans darf nicht dem europäischen Individualismus geopfert werden. Nach ihrem Verständnis besteht der Clan nicht nur aus den lebenden Angehörigen. Ihre Verstorbenen und die kommenden Generationen sind untrennbar Teil des Ganzen. (Ohne Wurzel gibt es keine Zukunft!)
Das Grabmal trägt ein (Lehm/Zement) Kreuz. So hatten es die Missionare verordnet; aber da es das Kreuz ist, an dem Jesus starb, sollte es schlicht und ohne Beiwerk sein. Dagegen zeigen diese christlichen Grabkreuze zögernde aber auch vollendete Zeichen eines Menschen mit ausgeweitetem Balken oben als Kopf, Augen und Mund, manche auch mit nach oben hin gerichteten Armstumpfen. Was wollen diese Kreuze sagen? Ich dachte zuerst spontan an Synkretismus wie alle Missionare damals. Nun aber, nach intensiveren Studien wage ich in diesen Kreuzen Beispiele von gelungener Inkulturation zu sehen.
Warum? Wie die Christen vor dem konstantinischen Zeitalter sahen offenbar die Mamfechristen das Kreuz Christi nicht als Siegeszeichen sondern als Schmachpfahl für einen Verbrecher. Die erhobenen Arme aber (wie auf einer Tafel in Rom, Sta Sabina) als Zeichen für die Auferstehung Christi. Das Grabkreuz war IHR Todesmal, nicht Christi, und so sahen sie sich frei, es in Menschengestalt zu formen. An ihrem Christsein bestand kein Zweifell, aber es wurde mit den ihnen zur Verfügung stehenden kulturellen Mitteln ausgedrückt.
Wie haben die Missionare nach ihrer Rückkehr nach Kamerun 1925 das gesehen? Bisher konnte ich keine Äußerung dazu
finden. Doch stimme ich der kritischen Aussage des Kameruner Kirchenhistorikers E.F.Lekunze voll zu, wenn er schreibt:
„Warum erkannten… die Missionare (und ich ergänze : die Missionsleitung in Basel) nicht die großartige Leistung der einhei-mischen Führer an und gewährten ihnen mehr Befugnisse und mehr Selbstverwaltung, anstatt mit ihrem paternalistischen Ansatz fortzufahren und sie als Helfer zu betrachten, die unreif sind, die volle Verantwortung für die Arbeit zu tragen?“ („Evang. Kirche in Kamerun“ Evang. Missionswerk Hamburg, Erlangen 2008).

Das mag genug sein Die Entwicklung ist im Gang und zukünftige Historiker werden uns zeigen, wo wir heute in unserer Begrenztheit wieder gefehlt haben. Sind wir doch „allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben…“ Und trotzdem: es braucht heute mutige Schritte, angesichts eines Konzepts für die Kirche von morgen.
Über das Kommen des Christentums hat der kamerunische Christ Ikelle-Matiba geschrieben: „Das Christentum hat große Aufgaben vollbracht; doch es ist uns falsch verkündet worden und bedarf, um in Afrika sinnvoll angewandt zu werden, einer
neuen Auslegung…, denndas europäische Gedankengut hatte bisher nur zu oft zu nichts weiter geführt, als unsere eigene Kultur zu zersetzen.“ („Adler und Lilie in Kamerun“ , Erdmann 1966 p.50)
Es waren später ostafrikanische Kirchenführer, die angesichts der Überflutung Afrikas mit westlichen Personal und Geld vorschlugen, ein Moratorium, also für eine Periode des Aussetzens beider, durchzuführen, um den afrikanischen Kirchen die Selbstbesinnung auf ihre eigenen Ressourcen zu ermöglichen. Das aber wurde aber weder von den westlichen Missionen noch von den einheimischen Kirchenführern aus Furcht vor einem Zusammenbruch und dem Überhandnehmen evangelikaler und unabhängiger Missionen und Kirchen akzeptiert.

So bleibt es dabei, dass angesichts der Tatsache der Verschiebung des numerischen Übergewichts der Christen auf die 3.Weltländer die Zukunft der christlichen Kirche nicht mehr bei uns liegen wird.
Das 1. Jahrtausend war das Jahrtausend der Ostkirche. Alle Konzilien, die die dogmatischen und
praxisbezogenen (Kirchenzucht etc) Entscheidungen trafen und festlegten, fanden in der byzantinischen Welt statt. Im 2. Jahrtausend verlagerte sich der Schwerpunkt auf den Westen.
(Westkirche). Hier wurden die großen Missionsbestrebungen erdacht und beschlossen aber auch die Kreuzzüge gegen die Religionen und „Häretiker“.
Das 3. Jahrtausend kann das Jahrtausend der Weltkirche werden, wenn die Selbstbesinnung der Kirche auf das ihr anvertraute jesuanische Amt neu entdeckt und im Hinblick auf die Vielfalt der Kulturen respektvoll und dialogisch durchgeführt wird. Liebe und Hinhören auf die Stimmen der „Fremden“ wird hier die Devise sein. Die Apostelgeschichte muss neu weitergeschrieben werden. „Ekklesia semper reformanda est“. Auch unsere evangelische Kirche ist davon betroffen.

Pfr. Mag. Karl Heinz Rathke (Nov. 2010)